Interview mit dem Golfkriegsveteranen Dave Carson
Im März blockierten etwa 3000 Menschen mehrere Stunden die US-Airbase Frankfurt. Unter ihnen Dave Carson, der als Soldat der US-Army gezwungen wurde, am letzten Golfkrieg teilzunehmen. Nach dieser Erfahrung ist Dave in der Anti-Kriegsbewegung aktiv. Der Rote Morgen sprach mit ihm.
Dave, du bist trotz Aufforderung durch die Polizei vor der Einfahrt der US-Airbase sitzengeblieben und schließlich weggetragen worden. Was hat dich dazu bewogen, das zu tun?
Ich war an der Airbase aus Protest gegen den Golfkrieg und die Überflugrechte und überhaupt die Stützpunkte hier in Deutschland und dass sie von der US-Army für ihren Krieg im Irak benutzt werden. Es war auch eine symbolische Aktion von mir, überhaupt das Wegtragen, weil ich damals für den Golfkrieg reingetragen worden bin - von meinen Kameraden in den Krieg rein. Ich hatte Kriegsdienstverweigerung beantragt, aber der Antrag verschwand anscheinend in einer Schublade. Dann hat meine Einheit den Marschbefehl bekommen. Da haben sie mich erst geschlagen und mit Gewalt in den Bus getragen. Und dann letztendlich bin ich an der Rhein-Main Airbase von meinen eigenen Kameraden ins Flugzeug getragen worden. Und für mich war dann jetzt die Symbolik dabei, daß ich jetzt gegen den Krieg demonstriere und die tragen mich nun weg von der Rhein-Main Airbase - in genau demselben Sinn. Die wollen den Krieg treiben und die tragen mich weg, von der Szene, so daß ich sie nicht mehr behindere.
Das heißt, du hast, wenn auch nicht freiwillig, den Krieg 1991 miterlebt.
Ich war die ganze Zeit mit dabei, ich bin mit der 1. Panzerdivision durch den Irak marschiert. Ich war tätig als Sanitäter. Als Sanitäter hatten wir nicht viel zu tun während des Bodenkrieges, weil die Amerikaner wenig Verletzte gehabt haben und irakische Soldaten nicht behandelt wurden, die wurden einfach auf dem Schlachtfeld gelassen. Und danach sind wir bis nach Kuwait reinmarschiert. Und nach dem Waffenstillstand hieß es für uns Sanitäter dann, wir müssen jetzt Zivilisten behandeln. The »humanitarian aid« - die Opfer der US Bomben. Wir haben dann Verbrennungen behandelt, Kinder mit verbrannten Beinen und Armen und Opfer von Minen. Wir haben die alle behandelt … und das war für mich eine zwiespältige Aufgabe. Ich wollte den Menschen helfen. Aber es hatte einen sehr bitteren Beigeschmack gegeben. Daß ich die Menschen behandelte, die eigentlich Opfer meiner Handlungen - als Soldat - waren.
Hat es einen Befehl gegeben, irakische Soldaten nicht zu behandeln oder wie muss man sich das vorstellen?
Wir haben sie einfach nicht zu Gesicht bekommen. Als wir gegen die Republikanische Garde gekämpft haben, haben wir, also meine Einheit, eineinhalb Tage losgeballert. Durch die Division wurden so viele Soldaten überrollt und in dieser ganzen Zeit habe ich keinen Menschen behandelt, keinen Verletzten. Das bedeutet, wir haben die einfach nicht zu Gesicht bekommen.
Nach Auffassung der USA ist der Irakkrieg mitlerweile vorbei. Wie siehst du das?
Was ich immer im Kopf habe und nicht mehr wegbekomme, ist das irakische Opfer einer Mine, einer Landmine. Er selbst ist eigentlich nicht auf die Mine getreten. Sein Kumpel ist auf die Mine getreten und er ist nebenher gelaufen. Sein Kumpel war sofort tot und wir haben ihn in unser Lager bekommen - als Opfer. Sein Hals war aufgerissen, aus seiner Schlagader ist Blut rausgespritzt. Meine Aufgabe dabei war, seinen Arm zusammenzuhalten, weil der total zerfetzt war , während unser Chirug seine Schlagader zusammennähte. Und das war nach dem Krieg.
Minen sind die heimtückischsten, gemeinsten Dinge, die die Menschen geschaffen haben. Und die USA haben immer noch nicht das Abkommen gegen Landminen unterzeichnet. Die produzieren die Dinger immer noch und setzen sie immer noch ein ...
Und für mich war das ein Zeichen, wie unmenschlich Krieg ist. Die Landminen und die nicht explodierte Munition wird über das ganze Land zerstreut, explodieren und töten dann unschuldige Menschen. Die laufen einfach über das Feld, ohne irgendwas in der Umgebung, keine Gefahr, und auf einmal sind sie tot ...
Meiner Meinung nach hat der Krieg im Irak nie aufgehört. Das war ein Krieg, schon damals, schon 91, der nie aufgehört hat. Die Menschen sind immer noch gestorben. Die Bomben sind zwölf Jahre lang immer wieder auf irakischem Grund gelandet. Das hat nie aufgehört, und das gab es auch davor. Die Reagan Regierung hat auch den Irak unterstützt gegen den Iran. Das war auch ein Krieg, und die Amerikaner waren immer dabei. Im Irak und im Nahen Osten sind sie schon lange unterwegs und sie werden weiter dort sein, solange wir es zulassen. Es gibt kein Ende …
Für dich gab es aber ein Ende. Letztendlich, wenn auch erst lange nach dem »Waffenstilstand« wurde deine Verweigerung ja doch anerkannt. Was machst du heute, wenn du nicht vor Militäreinrichtungen sitzt?
Zur Zeit bin ich mit der »Stop the War Brigade« unterwegs. Das sind Veteranen und Soldaten, die gegen den Krieg sind und gegen den imperialistischen Kapitalismus, der diese Kriege hervorbringt. Und ich stehe in Kontakt mit connection e.V., einer Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure. Hätte ich damals von solchen Organistionen gewußt, wäre es für mich viel leichter gewesen. Ich war allein damals, ich musste alles allein durchziehen. Und jetzt fühle ich eine Verpflichtung gegenüber den Soldaten. Ich weiß, daß es Soldaten gibt, die richtig heiß darauf sind zu töten und in den Krieg zu ziehen. Aber ich weiß auch, daß es viele Soldaten gibt, die zweifeln und raus wollen. Und ich setze mich dafür ein, daß sie Unterstützung bekommen. Zum Beispiel auch, daß Deserteure Asyl bekommen.
Ja, und auf Demos reden wir auch, versuchen Menschen zu erreichen. Weil, die Menschheit, wir sind die Demokratie. Letztlich müssen wir entscheiden, ob wir es weiter zulassen, daß die Menschheit getötet wird, aus ökonomischen Gründen.
Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg.
Internetseite der Stop the War Brigade:
www.angelfire.com/jazz/stwb
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