Tobin-Steuer: Stärkung Europas gegen die USA

Wie ist die Tobin-Steuer zu beurteilen? Sehen wir uns zunächst an, wer sie unterstützt und wer sie ablehnt. Die Forderung nach der Tobin-Steuer hat durch die Massendemonstrationen in Genua erheblichen Aufwind erhalten.
Der französische Ministerpräsident Jospin hat sich nach den Protesten offen dafür ausgesprochen. Das unter starkem französischen Einfluß stehende Belgien tritt für die Tobin-Steuer ein.

Kanzler Schröder lehnt sie ab, hat sich aber für die Prüfung der Tobin-Steuer ausgesprochen. Bei SPD und Grünen wächst die Zustimmung. Grünen-Sprecherin Kerstin Müller ist dafür. Attac-Unterstützer Lafontaine und die PDS ebenfalls. Die EU hat im September 2001 eine Expertenkommission eingesetzt, die eine Machbarkeitsstudie anfertigen wird.
Die USA jedoch lehnen die Tobin Tax ab. Sie sind selbst dagegen, ihre Einführung zu prüfen. Auf dem UN-Sozialgipfel in Kagen im Juni 2000 traten 130 Entwicklungsländer und die EU-Staaten für die Erstellung einer Studie zur Tobin-Steuer ein. Die USA legten ein Veto ein.

Wen trifft die Tobin-Steuer? Sie berührt langfristige Kapitalanlagen kaum, wohl aber kurzfristige. Täglich werden Devisen im Umfang von 1500 Mrd. Dollar gehandelt. 80% dieser Transaktionen haben eine Laufzeit von sieben Tagen. An Kursdifferenzen zu verdienen, ist ein wichtiges Motiv. Wenn eine Mrd. Dollar alle sieben Tage in einer anderen Währung angelegt würde, würden bei einem Steuersatz von 0,5% pro Transaktion innerhalb eines Monats schon 20 Mio. Dollar Tobin-Steuer anfallen. Wenn dagegen eine Mrd. Dollar langfristig über Jahre angelegt wird, wird die Steuer zur Restgröße. 5 Mio. Dollar Tobin-Tax wären unerheblich.

Unter der Tobin-Steuer würden also weniger die Direktinvestitionen leiden, z.B. die Übernahme von Firmen oder Firmenanteilen in den USA durch europäische Firmen oder im Euroraum durch US-Firmen, sondern die sogenannten institutionellen Anleger. Das sind vor allem Investmentfonds oder Kapitalanlagegesellschaften, Pensionsfonds als besondere Art von Investmentfonds und Versicherungen. 1996 verwalteten US-Fondsmanager die Hälfte der weltweiten Mittel, Großbritannien 9%, Deutschland und Frankreich dagegen nur je 5–6%. (Jörg Huffschmid, Politische Ökonomie der Finanzmärkte, Hamburg 1999, S.85) Im Euroraum werden nur 16% des weltweit bei institutionellen Anlegern gehaltenen Vermögens verwaltet. (FR ) Großbritannien dagegen verwaltet 9% der weltweiten Anlagen und legt rd. 20% davon außerhalb des eigenen Landes an.
„Den größten Widerstand (gegen die Tobin-Tax, RM) leisten die Regierungen der USA und Großbritanniens.“ (FTD ) Ihre Interessen werden am meisten berührt.

Etwa 10% der Fondsmittel wurden 1996 im Durchschnitt außerhalb des eigenen Währungsgebiets angelegt. 1996 wurden weltweit 21000 Mrd. Dollar von institutionellen Anlegern verwaltet. Von den 2100 Mrd. Dollar, die international außerhalb des eigenen Währungsgebiets angelegt wurden, entfielen also etwa 1.000 Mrd. Dollar auf die USA, aber nur weit unter 100 Mrd. Dollar auf Deutschland bzw. Frankreich. Nach der Einführung des Euro als gemeinsamer Währung wird diese Summe in Deutschland und Frankreich erheblich gesunken sein.
Innerhalb des Eurogebiets würde die Tobin-Tax entfallen, da es eine einheitliche Währung und somit keine Devisen mehr gibt. Die bedeutendste Wirkung hätte die Tobin-Tax in bezug auf den Dollar.

Die Tobin-Steuer richtet sich also in erster Linie gegen das Finanzkapital der USA. Sie erschwert die spekulative Anlage vor allem der Kapitalüberschüsse der USA (und Großbritanniens) und verringert damit Schwankungen von Devisenkursen.
Wenn also von demokratischer Kontrolle der Finanzmärkte und von einer Stärkung der Demokratie und der Politik gegenüber den Finanzmärkten gesprochen wird, bezieht sich das dem Wesen nach auf die Kontrollmöglichkeiten, die die „Demokratien“ d.h. die Staaten europäischer Länder international gegenüber den USA haben.
„Sie (die neue Weltfinanzarchitektur, RM) soll zu stabileren Währungen und damit auch zu einer stabileren Wirtschaft führen. Aber die Wall-Street und die Londoner City verdienen an dem Auf und Ab der Währungen.“ (Lafontaine in einer Attac-Beilage der taz vom 28.9.2001 – Die taz unterstützt Attac ebenso wie die mit ihr verbundene Le Monde diplomatique und ihr Herausgeber Bernard Cassen, der zu den Gründern von Attac gehört.) „Die Frage nach einer neuen, tragfähigen Finanzarchitektur kann gar nicht ernsthaft gestellt werden, ohne die Hegemonie des Dollars in Frage zu stellen.“ So der SPD-Bundesabgeordnete Edelbert Richter. (FR )
Der Wahlspruch von Attac „Eine andere Welt ist möglich“ bedeutet also übersetzt: „Eine Welt, in der der deutsche und französische Imperialismus eine größere Rolle spielen, ist möglich.“

Angesichts dieser Interessenlage ist nachzuvollziehen, warum James Tobin sich gegen den Mißbrauch seines Namens durch Attac und für den „Freihandel“ d.h. für den freien Kapitalexport ausgesprochen hat.
Eine neue, d.h. die Interessen des französischen und deutschen Kapitals stärker berücksichtigende, Finanzarchitektur ist aus Sicht der Vertreter dieses Kapitals auch noch aus einem anderen Grunde notwendig. Die Finanzkrisen in Mexiko und Südostasien wurden in erster Linie durch US-Kapital ausgelöst, das sich bei Verschlechterung der Renditen bzw. drohender Abwertung der Währung fluchtartig aus seinen Anlageländern zurückzog. Dadurch fiel die jeweilige Währung ins Bodenlose. Importe wurden extrem teuer. Auslandsschulden ebenfalls. Krisen brachen aus, die das Elend der breiten Masse vergrößerten, die Absatzmärkte auch des europäischen Kapitals einschränkten und seine Kapitalanlagen in diesen Länden entwerteten. Zudem wurden über den IWF Dutzende Milliarden Dollar aus Steuergeldern zur Bedienung der Auslandskredite vor allem der US-Anleger in die ruinierten Länder gepumpt. Und die mußten zu allem Überfluß auch noch von den europäischen Ländern mitgezahlt werden.

zurück



kpd-online.info v 4_3