Deutsches Finanzkapital gegen Tobin Tax. Warum?

Wenn die Tobin-Steuer objektiv vor allem dem deutschen und französischen Imperialismus nutzen würde, warum sprechen sich das deutsche Finanzkapital und seine politischen Repräsentanten dann gegen sie aus? Ein Grund ist, daß die Tobin-Steuer, wenn sie nur in Europa eingeführt würde, die Geschäfte des europäischen Finanzkapitals stören und die der US-Anleger begünstigen würde.
Die Tobin-Steuer würde auch langfristige Kapitalanlagen Deutschlands z.B. in den USA treffen. 1999 und 2000 kauften Firmen der Euro-Zone für 265 Mrd. Dollar US-Firmen auf. Umgekehrt kauften US-Firmen „nur“ für 90 Mrd. Dollar Firmen der Euro-Zone auf. Aus Deutschland flossen 1999 und 2000 insgesamt 130 Mrd. DM an Direktinvestitionen, Wertpapieranlagen und Krediten in die USA, umgekehrt aber nur rd. 40 Mrd. DM aus den USA nach Deutschland.

Die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar ist im wesentlichen auf den Kapitalexport aus der Eurozone zu erklären. Eine Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) kommt „zu dem Ergebnis, dass sich die Euro-Schwäche gegenüber dem Dollar relativ gut mit den Käufen von US-Unternehmen durch Firmen der Euro-Zone erklären lässt.“ (FTD ) Die Abwertung des Euro, also die mangelnde Währungsstabilität, liegt zwar nicht im Interesse des Kapitalexports, der sie hervorruft. Denn die Kapitalanlagen in Dollar werden beim Umtausch in Euro entwertet. Sie fördert aber den Warenexport, vor allem den des Exportvizeweltmeisters Deutschland. Die Warenexporte Deutschlands leben auch vom riesigen Handelsbilanzdefizit der USA (in 2001 rd. 400 Mrd. Dollar). Eine Devisenumsatzsteuer würde die Importe der USA aus Deutschland besteuern, somit erschweren und damit auch die Interessen der deutschen Industrie beeinträchtigen.

Die Devisenabteilungen der Banken und Industriekonzerne Deutschlands und der Euro-Zone verdienen kräftig an der täglichen Jagd auf Kursdifferenzen mit. Devisenspekulation ist mit Sicherheit nicht nur das Geschäft der US-Anleger. Ernst Welteke, der Chef der Bundesbank, lobt deshalb auch die Ausnutzung „kleinster Preisschwankungen“ durch Spekulanten als wichtig für die „Funktionsfähigkeit der Märkte“. (FTD )
All diese Interessen sind gegenwärtig mächtiger als das Interesse, die Finanzanleger der Wallstreet etwas zu zügeln. Das könnte sich allerdings bei zukünftigen Währungskrisen ändern, die die Interessen des deutschen Imperialismus stärker berühren. Deshalb titelte die Financial Times: „Die Tobin-Steuer schläft nur.“ ()

Derzeit hält das Zentralorgan des deutschen Finanzkapitals, die FAZ, den guten Tobin jedenfalls noch für einen starrköpfigen, alten Herrn, der „abseits der ökonomischen Vernunft“ stehe. (FAZ 1.9.2001) Aus den gleichen Gründen reiht sich zwar Jospin in den Chor der Befürworter der Tobin-Tax ein, stimmt aber gleichzeitig einer G7-Erklärung zu, die die Tobin-Tax ablehnt. (FTD 30.8.2001) Schröder signalisiert Verständnis und macht dasgleiche.

Der wendige ehemalige Trotzkist Jospin hat sich nach den Demonstrationen von Genua aus politischen Gründen für die Tobin Tax ausgesprochen, um vor allem die jungen Leute einzubinden, die die Tobin Tax und Attac als eine Chance empfinden, etwas zu bewegen. „Jospin wolle um Stimmen der Skeptiker und Globalisierungsgegner werben“, um die nächsten Wahlen zu gewinnen. „Der Vorstoß von Jospin zu Gunsten der Tobin-Steuer (sei) nicht wirklich ernst gemeint“, so das Handelsblatt. (5.9.2001) Die SPD-Grünen-Bundesregierung hat ähnliche Interessen.



kpd-online.info v 4_3