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ROTER MORGEN online 2, 2008


Bericht eines Ein-Euro-Jobbers


Ich gehe niemals ins Altersheim

22.04.2008

Den folgenden Bericht sandte uns ein Kollege zu, der für einige Zeit als Ein-Euro-Jobber in einem Altersheim gearbeitet hat. Der Bericht gibt einen erschütternden Einblick in die Arbeitsbedingungen im Pflegebereich und deren Auswirkungen für die HeimbewohnerInnen.

(Korrespondenz) Da ich mich trotz des Verbots der ARGE Ende letzten Jahres entschloss, umzuziehen (dafür braucht man ja mittlerweile eine Genehmigung), musste ich mir irgendwie die notwendige Mietkaution zusammensparen und deshalb entschloss ich mich, mich bei der ARGE für einen Ein-Euro-Job freiwillig zu melden. Ich durfte mir daher einen der freien Jobs bei meinem Berater aussuchen. Da ich etwas gesellschaftlich Sinnvolles und Nützliches tun wollte und zudem überlegte, eine Umschulung als Altenpfleger zu machen, suchte ich mir eine „Arbeitsgelegenheit“ in einem privaten Altersheim aus.

In der Stellenbeschreibung, die im Eingliederungsvertrag festgehalten wurde, steht „unterstützende Begleitung und Betreuung der Bewohner bei Alltagstätigkeiten und Freizeitgestaltung“. Dies war leider, wie sich bald rausstellen sollte, bloss theoretisch.

Zunächst musste ich zwei Tage „hospitieren“, man wollte mir alles zeigen und ich sollte den Betrieb kennen lernen, natürlich unentgeltlich. Allerdings wurde mir gar nichts gezeigt, sondern ich musste gleich am ersten Tag loslegen. Die Arbeitstage verliefen dann wie folgt (und im großen und ganzen immer gleich):

Ich begann um acht Uhr mit der Zubereitung des Frühstücks für die knapp 15 Bewohner auf meiner Etage. Wenn ich so gegen halb zehn fertig war, wurde die Spülmaschine eingeräumt und die Tische abgeputzt und neu gedeckt. Dann, so gegen kurz vor zehn bot sich die einzige Gelegenheit für eine Pause, die ich schon allein aus Trotz absaß. Nach den zwanzig Minuten Pause musste ich fast immer putzen und Wäsche sortieren und einräumen. Dann wurde die Spülmaschine wieder ausgeräumt. Anschließend, so gegen halb zwölf, wurde das Essen aus der Küche geholt und an die Bewohner, die sich seit dem Frühstück nicht vom Fleck bewegt hatten, verteilt. Dann wurden die Tische wieder für die nächste Mahlzeit vorbereitet und die Bewohner (alle!) ins Bett gekarrt. So gegen halb zwei waren dann alle im Bett und das Geschirr in den Schränken und nichts mehr zu tun. Ich wurde nach Hause geschickt. So lief es jeden Tag. Von Betreuung keine Spur.

Nach etwa drei Wochen habe ich mich das erste Mal beschwert, was mit Verwunderung aufgenommen wurde („...aber ihr Vorgänger hat dass auch alles so gemacht!“). Letztendlich wurde mir vom Chef aber recht gegeben und man gestand mir nun ein, von zehn bis halb zwölf und nach dem Mittagessen die Bewohner zu betreuen. Das war zumindest ein Teilerfolg. Allerdings erfuhr die Stationsleiterin erst von mir davon und war da ganz anderer Meinung. Ihr Argument: „...diese Reinigungsarbeiten müssen auch von irgend jemanden gemacht werden.“. Auf meinen Einwand, dass auch in der Stellenbeschreibung etwas anderes steht, meinte sie „...dann ist die Stelle aber falsch ausgezeichnet.“

Ich beschwerte mich erneut und mir wurde dann geraten, auf die Anweisungen der Stationsleiterin nicht zu achten, bis man ihr Bescheid geben würde. Dazu kam es aber nicht mehr, da ich kurz darauf hinschmiss; ich konnte die üble Stimmung unter den Kollegen nicht mehr ertragen. Ständig wurde herumgemeckert, ich wurde teilweise behandelt, als wäre ich zu dumm für diese einfachen Tätigkeiten und Fehler wurden nicht anwesenden Kollegen untergeschoben. Außerdem war es nicht mit anzusehen, wie miserabel die beiden Betreuer (für 15 Bewohner!) mit den Bewohnern umgingen. Den Bewohnern wurde Essen mit Gewalt verabreicht, wenn sie nicht essen wollten und auf Probleme wie Schmerzen wurde nicht eingegangen. (Einmal rief mich eine Bewohnerin um Hilfe, weil sie so furchtbare Schmerzen im Bein hätte. Darauf alarmierte ich die beiden Schwestern, die mich dann auslachten: „...du gehst aber auch auf alles ein!“).

Auch war oft nicht genug zu Essen da, ständig musste ich in die Küche und um Nachschub bitten, worauf es dann nervige Diskussionen gab („...wenn die Kollegen alleine sind, reicht´s auch immer. Wir müssen sparen.“). Alles in allem war es für mich nicht mehr zu ertragen, so hatte ich mir das nicht vorgestellt!

Man wird als 1-€-Jobber nur als billige Arbeitskraft ausgenutzt (eine Kollegin arbeitete für 1,50€ sogar als Pflegerin und meinem Vorgänger schlug man vor, ihn für 1,-€ zu übernehmen!) und behandelt wird man wie der letzte Dreck. Und einen Betriebsrat, an den man sich wenden kann, gibt´s auch nicht. Ich habe bei der ARGE um einen anderen Job gebeten und weiß zwei Dinge nun ganz gewiss: Ich werde niemals Altenpfleger und werde niemals ins Altersheim ziehen!!! Allerdings habe ich nun auch keine Illusionen mehr über die sogenannten „Arbeitsgelegenheiten“: die Arbeitgeber profitieren gleich doppelt, da sie ja auch noch Geld dafür bekommen, dass sie diese Stellen schaffen und normale Arbeiter zudem ersetzen können. Für mich ist klar: Hartz IV muss weg!!!




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