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ROTER MORGEN online 3, 2008
1. Mai 2008
Berichte und Korrespondenzen15.05.2008
Hamburg
(Korrespondenz) Am 1. Mai 2008 wollten Faschisten an dem Platz, an dem die 1. Mai-Demonstration des DGB hätte enden sollen, demonstrieren. Wie reagierten die DGB-Bonzen darauf? Mit feigem Zurückweichen! Die Route der DGB-Demonstration wurde geändert um den Faschisten aus dem Weg zu gehen, um vor den Faschisten zu fliehen! Doch der DGB machte seine Rechnung, wie so oft, ohne mit dem Mut und der Entschlossenheit der Hamburger zu rechnen. Etwa 15.000 Menschen kamen, von einem breiten antifaschistischen Bündnis gerufen, um sich den Faschisten entgegen zu stellen. Gerade einmal 2.500 fanden den Weg zum Besenbinderhof und zur Demonstration des DGB. Um 10.00 Uhr morgens kamen ca. 10.000 Menschen zur Auftaktkundgebung der antifaschistischen 1. Mai-Demonstration, die unter dem Motto „Internationale Solidarität statt Volksgemeinschaft“ stattfand, zum Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek. Wahrhaftig internationale Solidarität zeigte allerdings nur der internationale Block, in dem Genossen aus der Türkei, Kurdistan, Peru und Deutschland liefen und ihre Reden halten konnten. Auf dem Lautsprecherwagen des Hamburger Bündnis gegen Rechts (HBgR) hingegen waren diese Reden nicht willkommen.
Die Demonstration zog über die Fuhlsbüttler Straße und endete an der alten Wöhr nahe dem Auftaktort der Faschistendemo. Dieser Weg musste allerdings erst vor Gericht erstritten werden, da die Polizei wirksamen antifaschistischen Protest unterbinden wollte. Die Demonstration war gesäumt von Sympathiebekundungen der Barmbeker für unser Anliegen.
Um 14.00 Uhr läuteten die Kirchen in Barmbek ihre Glocken und Barmbek nahm Platz. Damit war die geplante Route der Faschistendemo blockiert und eine Ausweichroute musste her. Diese sollte zum Ohlsdorfer Bahnhof führen, in dessen Nähe der Ehrenhain für die Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus liegt. Viele Menschen machten sich nun auf, auch diesen Marsch zu verhindern.
Bereits im Vorfeld hatten militante Aktionen die Anreise der Faschisten be- und verhindert. Brennende Reifen auf den Schienen der S-Bahn legten diese für mehrere Stunden lahm. So kam es, dass kleinere Gruppen von Faschisten in Richtung Alte Wöhr zogen und dabei dank mangelndem Polizeischutz immer wieder angegriffen werden konnten. Die Polizei wollte unbedingt die Demonstration der Faschisten ermöglichen, obwohl viele der angekündigten Redner verurteilte Volksverhetzer sind und aus der Demonstration immer wieder Gewalttaten verübt wurden.
Es stand Klasse gegen Klasse auf der Straße und der Kampf wurde noch entschiedener, nachdem die Information über den Terror des türkischen Staates gegenüber der 1. Mai-Demonstration in Istanbul zu uns gelangte. Die ganze Wut, der ganze Hass auf den Klassenfeind und seine Helfershelfer entlud sich. Ein Reifenlager ging in Flammen auf. Polizeifahrzeuge wurden angegriffen, beschädigt, umgeworfen und angezündet. Die Busse, mit denen die Faschisten angereist waren, wurden entglast und so für die Rückfahrt unbrauchbar gemacht. Privatfahrzeuge der Faschisten wurden in Brand gesetzt und eine NPD-Fahne erbeutet, die ebenfalls verbrannt wurde. Mit Barrikaden und Sitzblockaden wurde immer wieder versucht den Aufmarsch zu stoppen.
Die Polizei wollte die faschistische Demonstration mit allen Mittel durchzuboxen. Wasserwerfer, Knüppel und Reizgas waren permanent gegen AntifaschistInnen im Einsatz. Zwischendurch erlaubte die Polizei den Faschisten immer wieder auf Protestierende und Journalisten loszugehen und sich mit ihnen zu schlagen. Es zeigte sich, dass die Polizei vor allem dann in die direkten Auseinandersetzungen eingriff, wenn es für die Faschisten brenzlig wurde.
Während der gesamten Zeit der Proteste zeigten die AnwohnerInnen, dass Faschisten im Arbeiterstadtteil Barmbek mehr als nur unerwünscht sind. Aus vielen Fenstern hingen Transparente und an der Strecke des Aufmarschs der Faschisten standen hunderte AnwohnerInnen und artikulierten ihren Protest. Andere machten den Demonstranten Mut, verteilten Getränke oder halfen bei der Orientierung im Stadtteil.
Es gelang leider nicht den Aufmarsch komplett zu verhindern. Aber Entschlossenheit und Kampfesmut machten den 1. Mai in Hamburg auf der einen Seite zu einem Desaster für Polizei und Faschisten und auf der anderen Seite zu einem Siegestag der Arbeiterklasse.
Kassel
(Korrespondenz) Zum diesjährigen 1. Mai demonstrierten rund 2000 Menschen für bessere Arbeitsbedingungen, mehr Arbeitsplätze und Mindestlöhne in Kassel. Am Philipp-Scheidemann-Haus versammelten sich vor allem linke Gruppierungen und Parteien. Davon war auch das Bild der Demonstration geprägt. Arbeiterlieder, rote Fahnen und Flugblätter in großen Massen wurden verteilt. Leider sind gerade Gewerkschaftsmitglieder in diesem Jahr sehr wenig vertreten gewesen. Die Gründe hierfür müssen dringend analysiert werden. Im letzten Jahr hat Andrea Ypsilanti auf dem durch Baugerüste verschandelten Hauptbahnhof eine ganze Reihe von Lügen unter Pfiffen der DemonstrantInnen verbreiten dürfen. Diese Veranstaltung hat dem 1. Mai in Kassel sicher nicht gut getan. Dieses Jahr hat das Abschlussfest direkt an Fulda im Grünen stattgefunden und die Besucher konnten die Demonstration mit dem jährlich stattfindenden Tigerentenrennen auf der Fulda verbinden. Dies war sicher günstiger gewählt. Außerdem haben in diesem Jahr nur Gewerkschaftsvorsitzende der Region geredet. Ein wirklich schönes Fest. Die Forderung der KPD nach angemessenen Mindestlöhnen kam ebenfalls gut an. Es konnten viele Gespräche geführt und Kontakte geknüpft werden.
Wuppertal
Massenfestnahme von über 200 DemonstrantInnen
(Pressemitteilung) Zum ersten Mal nach 22 Jahren ist die Wuppertaler Autonome 1 Mai Demo von uniformierten Schlägertrupps aus Wuppertal, Duisburg und Bielefeld überfallen und zerschlagen worden.
Über 200 Menschen wurden verhaftet und bis in die Nacht in improvisierten Gefangensammelstellen festgehalten und nach Wuppertaler Polizeiart zum Teil beschimpft, beleidigt und misshandelt.
• Diese Massenfestnahme ist die größte Massenverhaftung in Wuppertal seit 1945.
Das ist die Krönung der polizeilichen Übergriffe der letzten beiden Jahre auf eine Demonstration, die seit 1986 in Wuppertal unterschiedliche Spektren der Linken gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Straße bringt. Unter dem sattsam bekannten Vorwand Vermummung und angeblich schwerster Straftaten (der frechen und dummen Lüge, es wäre Brennspiritus auf Polizisten geworfen worden. Hier standen wohl die Lügen der Polizei in Heiligendamm Pate) wurde die Demo mit ca. 400 TeilnehmerInnen nach wenigen Metern angriffen. Am Kosakenweg wurde der Kessel geschlossen, die ersten Reihen der Demonstration wurden massiv mit Pfeffergas besprüht und mit Knüppeln angegriffen. Es kam zu zahlreichen Verletzungen. Die späteren Festnahmen im Kessel wurden zu polizeilichen Übungszwecken von Greiftrupps durchgeführt. Bei den Übungszugriffen kam es grundlos zum Teil zu erheblichen Verletzungen. DemonstantrInnen wurden brutal auf den Boden geworfen, geschlagen und getreten. Die unterbezahlten Straftäter in Uniform ließen es sich auch nicht nehmen DemonstationsteilnehmerInnen zu bedrohen und zu beleidigen.
Der Angriff auf die Demonstration war wohl vorbereitet. Der Ort des Polizeikessels stand schon vorher fest. Dixieklos wurden nur kurze Zeit später aufgestellt, ein Bus der Stadtwerke wurde zusätzlich zum Gefangentransport und als Gefangensammelstelle missbraucht. Die Verhafteten mussten zum Teil bis zu sieben Stunden bei Wind und Wetter draußen stehen Die schlecht geölte Bürokratie des Polizeiterrors spuckte ihre letzten Opfer erst um 2:30 Uhr in der Nacht wieder aus.
Die Angriffe auf unsere autonome 1.Mai Demo werden Konsequenzen haben. Die Misshandlungen und Demütigungen durch die Polizei führen nicht nur zur Einschüchterung und Rückzug, sondern mitunter zu Reaktionen und Politisierung. Das Recht gegen soziale Ungerechtigkeit und für ein besseres Leben auf die Straße zu gehen, auf der Straße gegen Faschismus und Antisemitismus zu kämpfen lassen wir uns von dieser dummen , frechen
und brutalen Polizei nicht nehmen.
Dem Polizeipräsidenten, den verantwortlichen Polizeileitern und dem Polizeioberbürgermeister Jung, der in Wuppertal keine Polizeigewalt kennt (Siehe sein Ausstellungsverbot), können sich auf einen bunten Widerstandsommer freuen. Höhepunkt werden mit Sicherheit unsere Störaktionen, Konzerte gegen Polizeigewalt und Demonstrationen auf dem NRW-Tag am 24. August 2008 in Wuppertal sein. Den können sich Jung und seine Provinzpolitiker in der Pfeife rauchen.
Freiheit wird nicht erbettelt, sondern erstritten!
Straße frei für den 1. Mai
© Verlag Roter Morgen, Postfach 900 753, 60447 Frankfurt/M.
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