Parteitag der SED
1953: Arbeiteraufstand in der DDR
Antikommunitisches Plakat zum Arbeiteraufstand in der DDR
Plakat der SED gegen "Republik-Flucht"
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Die Entwicklung in der DDR
In der sowjetischen Zone wurden mit großem Erfolg und mit Billigung
und Unterstützung des größten Teiles der Bevölkerung
die Monopolbetriebe in Volkseigentum überführt. Die faschistischen
Kräfte wurden unterdrückt und bestraft, während sich die
demokratischen Kräfte entfalten konnten. 1946 vereinigten sich die
KPD und die SPD in der sowjetischen Besatzungszone zur SED. Sie zogen
damit die Lehren aus der Spaltung der Arbeiterklasse, die zur fürchterlichen
Niederlage der Machtergreifung des Faschismus geführt hatte. Neben
der SED wurden auch bürgerlich-demokratische Parteien zugelassen.
In den Westzonen verhinderten die reaktionären Führer der SPD,
die die Pläne der Imperialisten zur Spaltung Deutschlands und Restaurierung
eines westdeutschen Imperialismus faktisch unterstützten, die Vereinigung
der beiden Arbeiterparteien.
Die Parteien in der sowjetischen Zone strebten an, daß Deutschland
bei der Konferenz der Außenminister der vier Siegerstaaten im November
1947 vertreten sein sollte, um den völkerrechtlichen Anspruch auf
die Einheit Deutschlands und den Abschluß eines Friedensvertrages
entsprechend den Potsdamer Beschlüssen durchzusetzen. Hierzu sollte
in allen Besatzungszonen ein einheitlicher deutscher Volkskongreß
gewählt werden. Doch Adenauer, der Vorsitzende der West-CDU, sowie
Schumacher, der Vorsitzende der SPD, boykottierten dies, da die Wahl eines
solchen Volkskongresses die Pläne der US-Imperialisten und der in
Westdeutschland fortexistierenden Monopolherren behinderte.
Dennoch wurden in ganz Deutschland Delegierte gewählt. 1948 wurden
in ganz Deutschland nahezu 15 Millionen Unterschriften für die Errichtung
eines einheitlichen Deutschlands gesammelt, obwohl die Unterschriftensammlung
von den westlichen Besatzungsmächten teils behindert, teils verboten
wurde. Der vom deutschen Volkskongreß gewählte Volksrat beschloß
im März 1949, den Dritten Deutschen Volkskongreß in allgemeiner,
gleicher und geheimer Wahl wählen zu lassen. Da dies ein frontaler
Angriff auf die Pläne zur Spaltung Deutschlands war, wurde die Wahl
in Westdeutschland und Westberlin von den Besatzungsmächten verboten.
Bei all diesen Kämpfen um die Einheit Deutschlands standen KPD und
SED in vorderster Front.
Mit der Gründung des westdeutschen Spalterstaates "Bundesrepublik
Deutschland" im September 1949 war dieser Kampf noch nicht verloren.
Mit der Gründung der DDR im Oktober 1949 und der Übergabe der
Regierungsgewalt durch die Sowjetunion an die Regierung der DDR war die
Spaltung Deutschlands keineswegs anerkannt. In der diesbezüglichen
Erklärung der sowjetischen Regierung hieß es vielmehr: "Unter
diesen Umständen kann man nicht umhin, das Bestreben deutscher demokratischer
Kreise als rechtmäßig anzuerkennen, die Wiederherstellung der
Einheit Deutschlands und dessen Wiedergeburt auf demokratischer und friedlicher
Grundlage in die eigenen Hände zu nehmen."
Die DDR sollte also ein Provisorium sein, dessen Aufgabe vor allem die
Weiterführung des Kampfes um die Herstellung der staatlichen Einheit
Deutschlands war. Der Kampf um die Einheit Deutschlands war zu diesem
Zeitpunkt der wichtigste Hebel, um an die sozialistische Revolution heranzukommen.
Das Scheitern des Planes der Imperialisten, Westdeutschland als Speerspitze
gegen das sozialistische Lager aufzubauen, hätte außerdem unter
Ausnutzung zwischenimperialistischer Widersprüche der Kriegsgefahr
entgegengewirkt und der Sowjetunion eine Atempause verschafft; die sowjetischen
Kommunisten hätten bessere Bedingungen gehabt, um im eigenen Land
für die Festigung des Sozialismus im Sinne des Voranschreitens zum
Kommunismus zu kämpfen. Aus all diesen Gründen sah Stalin die
Frage der deutschen Einheit offenbar als eine Schlüsselfrage der
internationalen Politik an, betrieben die KPdSU(B) und die sowjetische
Regierung den Kampf um die deutsche Einheit mit großer Energie.
So hieß es im Rechenschaftsbericht auf dem 19. Parteitag der KPdSU(B),
Oktober 1952: "Gemäß dem Potsdamer Abkommen führt
die Sowjetunion unentwegt eine Politik durch, die auf den baldigsten Abschluß
eines Friedensvertrags mit Deutschland, auf den Abzug sämtlicher
Besatzungstruppen aus Deutschland und auf die Schaffung eines einheitlichen,
unabhängigen, friedliebenden, demokratischen Deutschlands gerichtet
ist., in Anbetracht dessen, daß die Existenz eines solchen Deutschlands
neben der Existenz der friedliebenden Sowjetunion die Möglichkeit
neuer Kriege in Europa ausschließt und die Knechtung der europäischen
Länder durch die Weltimperialisten unmöglich macht." (Malenkow,
Rechenschaftsbericht an den XIX. Parteitag über die Tätigkeit
des Zentralkomitees der KPdSU(B), Moskau 1952, S. 42) Diese Orientierung
der sowjetischen Außenpolitik sollte sich allerdings nach Stalins
Tod grundlegend ändern: Chruschtschow strebte eine DDR unter sowjetischer
Vorherrschaft an, die für ihn und seine Nachfolger einerseits ökonomisches
und militärisches Potential, andererseits Schacherobjekt gegenüber
dem westdeutschen Imperialismus war.
Auf einer Parteikonferenz der SED im Juni 1952 wurde beschlossen, "in
allen Bereichen der Gesellschaft planmäßig die Grundlagen des
Sozialismus zu schaffen". (Geschichte der SED, Berlin 1978, S. 275)
Dies geschah 2 Monate nach der sogenannten Stalin-Note! Wir wollen hier
nicht zu einer abschließenden und umfassenden Einschätzung
des Beschlusses der Parteikonferenz der SED kommen, doch deutet vieles
darauf hin, daß dieser Beschluß übereilt war und der
Situation nicht entsprach. Faktisch hieß dieser Kurs: Beschleunigte
Kollektivierung der Landwirtschaft, beschleunigte Liquidierung des privaten
Eigentums an Produktionsmitteln und Übergang zur Planwirtschaft,
Abschaffung bürgerlicher Rechtsnormen, offizieller Aufbau eigener
Streitkräfte.
Zwar stellte - wie oben gesagt - der nationale und demokratische Kampf
keine eigenständige Etappe dar, sondern war eine Form des Herankommens
an die sozialistische Umwälzung. Diese oder jene Schritte zum Sozialismus
konnten und mußten daher durchaus ergriffen werden. So mußte
sicherlich auch gegen nichtmonopolistische Unternehmer und Großbauern
vorgegangen werden, die sich gegen die demokratische Staatsmacht stellten,
so mußten freiwillige Zusammenschlüsse von Bauern gefördert
werden, so mußten wirksame Maßnahmen zur Landesverteidigung
getroffen werden.
Der demokratische Charakter der bestehenden Ordnung konnte nicht ohne
diese oder jene sozialistische Maßnahmen behauptet werden, da es
keine sozialökonomische Zwischenetappe zwischen Kapitalismus und
Sozialismus gibt. Ein Stehenbleiben war also nicht möglich; scheinbarer
Stillstand wäre in Wirklichkeit Rückschritt gewesen und hätte
letztlich zur Niederlage geführt. Doch es ging um das Tempo des Voranschreitens,
und es entsprach wohl kaum den Kräfteverhältnissen, mit großem
Tamtam einen gebündelten Maßnahmenkatalog anzukündigen,
der in seiner Gesamtheit hochoffiziell den Übergang zum Sozialismus
beinhalten sollte. Diese Ankündigung war faktisch die Absage an ein
gesamtdeutsches klassenübergreifendes, aber gegen den US-Imperialismus
und die westdeutschen Monopole gerichtetes Bündnis zur Erkämpfung
der Einheit Deutschlands. Es sieht ganz so aus, als hätten die Kräfte
um Ulbricht mit dieser Orientierung Stalins Außenpolitik gezielt
desavouiert.
Was Stalin betrifft, so erklärte dieser im Oktober 1952 anläßlich
des 3. Jahrestages der Gründung der DDR in einem Telegramm an Otto
Grotewohl als den Ministerpräsidenten der DDR: "Ich bitte Sie,
meine Wünsche für weitere Erfolge bei dem großen Werk
der Schaffung eines einheitlichen, unabhängigen, demokratischen,
friedliebenden Deutschland entgegenzunehmen." (SW 15 S. 388) Es sieht
so aus, als wäre Stalin von dem Projekt eines hochoffiziell angekündigten
Übergangs zum Aufbau des Sozialismus in der DDR alles andere als
begeistert gewesen. Aus Notizen Piecks geht im übrigen hervor, daß
Stalin im April 1952 in Unterredungen mit führenden Funktionären
der SED sinngemäß erklärt hatte: "Demarkationslinie
gefährliche Grenze... Bewaffnung muß geschaffen werden... Nicht
Miliz, sondern ausgebildete Armee. Alles ohne Geschrei, aber beharrlich."
Und: "auch Schaffung von Produktiv-Genossenschaften im Dorfe, um
Großbauern einzukreisen... Beispiele schaffen - ... Niemand zwingen.
Nicht schreien Kolchosen - Sozialismus. Im Anfang die Tat - Weg zum Sozialismus
- staatliche Produktion ist sozialistische Produktion." (W. Otto,
Sowjetische Deutschlandnote, Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung
3/91, S. 378 f., zitiert nach Kurt Gossweiler, Benjamin Baumgarten und
die "Stalin-Note", in: Streitbarer Materialismus Mai 1998) Doch
der Verzicht auf "Geschrei" war nicht die Sache von Leuten wie
Ulbricht...
Nebenbei bemerkt: Im Bestreben, die Behauptung unterschiedlicher Zielrichtungen
zwischen Stalin und Ulbricht bezüglich der Deutschlandpolitik als
absurd abzuqualifizieren, entwickelt Gossweiler u.a. unfreiwillig eine
Argumentation, die gerade für eine solche Annahme spricht. Er sagt:
"Bei den Bürgern der DDR und von den Freunden der DDR in der
BRD (gemeint ist wohl in erster Linie die Führung von SED und KPD,
RM) und im übrigen Ausland in Ost und West wurde die Frage erwogen,
ob die Verwirklichung dieses Vorschlages der Sowjetunion (der Stalin-Note,
RM) keine Gefährdung der in der DDR verwirklichten demokratischen
Reformen bringen könnte.
Doch es überwog die Meinung, die Verwirklichung des sowjetischen
Vorschlages bedeute eine noch größere Gefährdung für
die gerade wiederhergestellte Herrschaft des westdeutschen Großkapitals
und entziehe den Westmächten auch den Westen Deutschlands als Stützpunkt
für die Vorbereitung eines Krieges gegen die Sowjetunion, weshalb
kaum damit zu rechnen sei, daß sie sich darauf einlassen würden."
(Gossweiler, ebenda) Das heißt im Klartext: Da sich die SED bei
Verwirklichung der Vorschläge Stalins gesamtdeutschen freien Wahlen
hätte stellen müssen, waren Ulbricht und andere dagegen. Sie
hofften aber, die US-Imperialisten und das westdeutsche Monopolkapital
würden es dazu nicht kommen lassen, weil - was ja durchaus stimmte
- die Durchführung von Stalins Vorschlag deren Interessen und Pläne
gründlich durchkreuzen würde. Doch letzteres wäre für
Marxisten-Leninisten ein Argument gewesen, alles zu tun, um für die
Durchführung der Vorschläge Stalins zu kämpfen, während
Ulbricht und seine Leute nicht nur hofften, daß die Imperialisten
die Spaltung Deutschlands durchsetzen würden, sondern ihnen das durch
die Beschlüsse der II. Parteikonferenz der SED auch aktiv erleichterten.
Differenzen zwischen Stalin und der SED-Führung gab es auch schon
früher. Nach dem Zusammenschluß von KPD und SPD in der sowjetischen
Zone wollten reaktionäre SPD-Führer auch dort eine SPD weiterführen,
die SED-Führung war aber offenbar - im Gegensatz zu Stalin - gegen
die Zulassung einer SPD. Im Januar 1947 fand in Moskau eine Beratung Stalins
mit führenden Funktionären der SED statt, und in den Notizen
Piecks über diese Beratung finden sich folgende Stichpunkte über
Stalins Ausführungen: "Zulassung der SPD in sowj. Besatzungszone,
ob SED Angst hat vor SPD - man muß sie politisch schlagen".
(Wilhelm Pieck, Aufzeichnungen zur Deutschlandpolitik , hrs.
v. Rolf Badstübner und Wilfried Loth, Berlin 1994, S. 112, zitiert
nach: Kolloquium zum 50. Jahrestag des Zusammenschlusses von KPD und SPD
in Sachsen, hrs. v. Landesvorstand Sachsen der PDS, S. 18) Stalin war
sicherlich kein Gegner der Unterdrückung konterrevolutionärer
Bestrebungen, aber als Marxist-Leninist ging er davon aus, daß man
solche Bestrebungen - solange sie einen gewissen Rückhalt in der
eigenen Klasse oder in verbündeten Klassen und Schichten haben -
zunächst politisch schlagen muß. Das sahen die SED-Führer
offenbar anders. Es war übrigens auch Stalin, der die Zulassung bürgerlich-demokratischer
Parteien in der DDR angeregt hatte, und er wollte offenbar keine Blockflöten
der SED; er wollte Parteien, die einen eigenständigen politischen
Faktor darstellten und mit denen die SED sich politisch hätte auseinandersetzen
müssen.
SED-Führer wie Ulbricht aber wollten sich nicht politisch auseinandersetzen;
sie wollten um jeden Preis ein Terrain, in dem sie die Macht hatten und
mit administrativen Mitteln herrschen konnten. Das entsprach übrigens
ihrer sektiererischen Gewerkschaftspolitik in der Weimarer Zeit, die darauf
hinausgelaufen war, die RGO faktisch als Gegengewerkschaft zum ADGB aufzubauen,
womit sie den ADGB dem Einfluß der reaktionären sozialdemokratischen
Gewerkschaftsführer überließen. Ein eigener unbestrittener
Einflußbereich war ihnen hier wichtiger als eine Taktik, die auf
die Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse und damit auf die Untergrabung
des Einflusses der reaktionären Gewerkschaftsführer gerichtet
war.
Auch in der eigenen Partei gingen sie nicht demokratisch vor. Der Beschluß,
zum planmäßigen Aufbau des Sozialismus in der DDR überzugehen,
war innerhalb der SED in keiner Weise diskutiert worden, geschweige denn
in der Arbeiterklasse. Er wurde auch auf der II. Parteikonferenz selbst
nicht wirklich, nicht im Sinne einer allseitigen Einschätzung der
Situation und eines Abwägens diskutiert, sondern von einer kleinen
Gruppe in der Parteiführung durchgepeitscht.
Es deutet vieles darauf hin, daß die Krise im Juni 1953 eine Folge
dieses Beschlusses war. Wäre der Sozialismus auf Grundlage eines
siegreichen Kampfes für die Einheit Deutschlands aufgebaut worden,
so hätten nicht nur die begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen der
DDR sondern auch die Ressourcen des Westens zur Verfügung gestanden,
die Startbedingungen wären also von vornherein wesentlich besser
gewesen. Doch die Bedingungen des Kampfes für die Einheit Deutschlands
waren durch den Beschluß der II. Parteikonferenz erheblich verschlechtert
worden. Der Versuch, zu diesem Zeitpunkt allein im Osten Deutschlands
ohne siegreichen Kampf für die deutsche Einheit und mit den begrenzten
ökonomischen Ressourcen der DDR den Sozialismus aufzubauen, mußte
zu der Notwendigkeit führen, in allen gesellschaftlichen Bereichen
den Druck enorm zu erhöhen. Da die ökonomischen Ressourcen des
Bürgertums weitgehend wegfielen, mußte auch der Druck auf die
Arbeiterklasse erhöht werden, um den hiervon ausgehenden Folgen entgegenzuwirken.
Die von der SED-Spitze einseitig dekretierten Erhöhungen der Arbeitsnormen,
die zur Krise im Juni 1953 führten, waren möglicherweise ein
voluntaristischer Versuch, die Probleme zu lösen, die sich aus dem
übereilten Beschluß der II. Parteikonferenz ergeben hatten,
doch dieser Versuch sollte sich als Bumerang erweisen: Die Probleme wurden
noch größer.
Besonders verheerend und für den Aufbau des Sozialismus absolut
tödlich war, daß dauerhaft ein scharfer Riß zwischen
Partei und Klasse entstand. Das war nicht in erster Linie Folge der Normerhöhungen
an sich - dieser Fehler war korrigierbar, und er wurde auch korrigiert.
Es war Folge dessen, daß die Partei der Arbeiterklasse sich angemaßt
hatte, diese Erhöhungen ohne jegliche Diskussion mit der Klasse zu
beschließen und daß sie diesen Fehler nicht korrigierte. Im
Gegenteil: Erste Versuche, diesen Fehler zu diskutieren, endeten mit der
Erklärung, die Partei müsse "heraus aus der Büßermentalität",
und das hieß faktisch, sie sollte gegenüber der Klasse den
Herrenstandpunkt herauskehren. Kurt Barthel, der Sekretär des Schriftstellerverbandes,
brachte dies sehr klar auf den Punkt: Er erklärte den Bauarbeitern
der Stalinallee in einem Gedicht, sie hätten das Vertrauen der Regierung
verscherzt und könnten es nur wiedergewinnen, indem sie künftig
"sehr viel und sehr gut mauern". Bert Brecht antwortete damals
treffend, wenn das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, ob
es dann nicht besser wäre, die Regierung löste das Volk auf
und wählte ein anderes.
Genau in diesem Sinne agierte die Führung der SED aber fortan, und
so war an Aufbau des Sozialismus nicht zu denken. Zwar wurde der Kapitalismus
beseitigt, doch ersetzt wurde er durch ein Regime persönlicher Abhängigkeiten,
in welchem von oben nach unten Befehle "durchgestellt" wurden.
Die Entscheidungsträger an der Spitze des Apparats taten alles, um
zu gewährleisten, daß die Befehlsgewalt auf immer und ewig
in ihren Händen bzw. den Händen ihrer Nachfolger bleiben sollte.
Man sprach zwar von "führender Rolle der proletarischen Partei",
doch dies war ein Hohn auf die marxistisch-leninistische Konzeption einer
Vorhutpartei, die daran arbeitet, die Klasse auf die Höhe ihrer geschichtlichen
Aufgabe zu heben. Ein solches Regime mußte letztlich zusammenbrechen.
Die sachlichen Abhängigkeitsverhältnisse der bürgerlichen
Ordnung im Westen erschienen der Mehrheit der Bevölkerung annehmbarer
als eine Gesellschaft, die vorwiegend und dauerhaft auf persönlichen
Abhängigkeitsverhältnissen beruht. Bei der Massenstimmung, die
letztlich zum Zusammenbruch des Regimes führte, spielten freilich
auch große Illusionen über die BRD mit, da die Menschen den
SED-Funktionären auch dann nicht mehr glaubten, wenn sie ausnahmsweise
mal die Wahrheit sagten. Aber auch heute, wo diese Illusionen der bitteren
Realität weichen mußten, wollen die allerwenigsten ein Regime
im Stile Honeckers wiederhaben.
Und noch eines spielte beim Zusammenbruch der DDR eine Rolle: die Frage
der deutschen Einheit. Ironischerweise konnten ausgerechnet die westdeutschen
Imperialisten, die die Nation gespalten hatten, die Losung der nationalen
Einheit nun für ihre Zwecke nutzen. Dies war ihnen möglich,
weil die SED-Revisionisten erklärt hatten, es gäbe nun zwei
deutsche Nationen und somit keine offene nationale Frage mehr. Doch eine
Nation ist etwas Objektives; sie kann ebensowenig durch Parteibeschlüsse
aus der Welt geschafft werden, wie der Sozialismus durch Parteibeschlüsse
errichtet werden kann. Besteht eine offene nationale Frage, so wird die
eine oder andere Klasse das zu ihrem Vorteil nutzen. Das Proletariat konnte
sie nicht mehr nutzen, weil die SED den proletarischen Klassenstandpunkt
und damit unter anderem auch die marxistisch-leninistische Haltung zur
nationalen Frage aufgegeben hatte. Dies gab dem Monopolkapital der BRD
die Möglichkeit, die nationale Frage in seinem Sinne zu nutzen und
zu lösen.
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