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Der Kampf der KPD für die Neugründung
Das Verbot der KPD durch das Adenauer-Regime im Jahre 1956 traf die Partei
in einer schwierigen Situation des Weltkommunismus. In der Sowjetunion,
der DDR und - damals mit Ausnahme Albaniens - den anderen sozialistischen
und auf dem Weg zum Sozialismus befindlichen Ländern war die Herrschaft
der Arbeiterklasse durch eine neue Ausbeuterklasse gestürzt worden,
die sich innerhalb des Sozialismus nach und nach entwickelt hatte. Damit
war der Sozialismus in diesen Ländern beseitigt, doch die neuen Herrscher
behaupteten weiterhin, unter ihrer Führung würde der Sozialismus
aufgebaut.
Da vieles von den Formen des zerstörten Sozialismus vorerst erhalten
blieb und da ein derartiger Vorgang sich zum ersten Mal in der Geschichte
abspielte, durchschaute die überwältigende Mehrheit der Menschen
in Ost und West dies nicht, einschließlich derjenigen, die in der
kommunistischen und Arbeiterbewegung tätig waren. So wurde der Sozialismus
in den Augen sehr vieler Menschen in Mißkredit gebracht. Die meisten
kommunistischen Parteien auf der Welt orientierten sich an Politik und
Ideologie der neuen Moskauer Führung, die aber alles andere als den
Kommunismus anstrebte.
Die Scheidelinie war längst nicht so offenkundig wie 1914, als die
Führer der sozialdemokratischen 2. Internationale die Arbeiter ihres
jeweiligen Landes aufforderten, ihre eigene Bourgeoisie im Krieg zu unterstützen
und auf ihre Klassenbrüder der anderen Länder zu schießen.
Auch damals war der Schaden, den dieser Verrat anrichtete, unermeßlich
groß, doch der Verrat war leichter zu erkennen, so daß sich
in dem meisten Ländern bedeutende Teile der bestehenden sozialdemokratischen
Parteien zu neuen revolutionären Parteien, zu kommunistischen Parteien,
formierte. Das war nun anders. In den allermeisten Ländern waren
es nur wenige KommunistInnen, die den Verrat der revisionistischen Führung
erkannten und organisiert dagegen kämpften.
Die revisionistische Führung der KPD nutzte die Tatsache der Illegalität,
des Verbots und der Verfolgung der Partei, um jegliche innerparteiliche
Kritik als parteifeindlich hinzustellen. In der Ausgabe September/Oktober
1967 des Roten Morgen (der Doppelnummer 3/4 des 1. Jahrgangs) schrieb
Ernst Aust: "Der Zustand in unserer Partei? Der Ausspruch eines führenden
Genossen: Man knallt die Hacken zusammen und gehorcht. Ihr selbst kennt
den Zustand in unseren Gruppen, soweit sie noch existieren. Kein offenes
Wort. Kein Ansprechen der Probleme des Weltkommunismus, die praktisch
alle bewegen. Wer sich nur bescheiden die Frage erlaubt, warum denn die
Sowjetunion oder die DDR ... gerät sofort in Verdacht, die Partei
zersetzen zu wollen. Isolierung, und wenn es sich um einen führenden
Genossen handelt, Abstempelung als Agent des Verfassungsschutzes im ´Freien
Volk` (dem Organ der KPD, RM) sind die Folgen. Bezahlte Funktionäre,
die unter vier Augen ihre Meinung offenbaren, halten nach außen
und oben den Mund. Schließlich findet man mit 50 oder 60 Jahren
als bekannter Kommunist keine Arbeit mehr. Mitglieder lassen sich einschüchtern,
in der unberechtigten Angst, vom rechten Weg des Marxismus-Leninismus
abzuweichen. Demokratischer Zentralismus wird klein geschrieben. Kurz
gesagt, der Zustand unserer Partei ist erbärmlich."
Die Neugründung der KPD
Die erste Ausgabe des Roten Morgen war im Juli 1967 erschienen. Ernst
Aust, KPD-Funktionär der mittleren Ebene des Apparats, hatte sie
illegal herausgegeben. Illegal im doppelten Sinne: Gegenüber dem
bürgerlichen Staat und gegenüber der eigenen Parteiführung.
Die beiden ersten Ausgaben finanzierte er von seinen letzten beiden Gehältern,
die er als KPD-Funktionär erhielt. Der Rote Morgen griff den revisionistischen
Verrat an, verteidigte die Prinzipien des Marxismus-Leninismus, die von
der revisionistischen Führung verraten wurden.
Als Beispiel sei der Leitartikel der Sonderausgabe August 1968 "Auf
Kautskys und Togliattis Spuren" genannt. Dieser Artikel enthielt
eine marxistisch-leninistische Kritik des revisionistischen Programmentwurfs
der KPD-Führung. Die Analyse kommt zu dem Schluß: "Fest
steht, daß dieses Programm, vom Geiste des Revisionismus geprägt,
offener Verrat am Marxismus-Leninismus bedeutet, daß es das schandbarste
Dokument ist, das bisher unter dem Namen KPD erschien. Die Verfasser dieser
Arbeit haben weder das Recht im Namen Marx, Engels und Lenins, noch im
Namen Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Ernst Thälmann zu sprechen.
Es ist an der Zeit, daß alle Marxisten-Leninisten Westdeutschlands
sich sammeln, zusammenschließen und dem KPD-Programm der Kapitulation
vor der Monopolbourgeoisie das revolutionäre Programm einer marxistisch-leninistischen
Partei entgegenstellen."
Diesem Ziel diente die Herausgabe des Roten Morgen: Die revolutionären,
marxistisch-leninistischen Kräfte zu sammeln, um eine neue Vorhutpartei
der Arbeiterklasse zu formieren.
1968 spitzten sich die Ereignisse zu. Im Zuge der neuen Ostpolitik kam
es zu einem Kuhhandel zwischen Breschnew und Brandt, demzufolge der westdeutsche
Staat eine legale "Kommunistische Partei" zulassen sollte, die
jedoch in ihrer Programmatik und praktischen Ausrichtung auf wesentliche
Grundlagen des Marxismus-Leninismus verzichten sollte, insbesondere auf
die Orientierung, daß der bürgerliche Staat in der sozialistischen
Revolution gewaltsam zerschlagen werden und durch die Herrschaft der Arbeiterklasse,
die Diktatur des Proletariats, ersetzt werden mußte, um den Weg
zur klassenlosen kommunistischen Gesellschaft zu ebnen.
Nach Absprachen im Bonner Innenministerium gründete die Führung
der verbotenen KPD gemäß diesen Vorgaben die neue legale Partei,
die nur noch in Worten marxistisch-leninistisch war. Diese Partei war
die DKP. Ernst Aust sah nun eine günstige Situation zur Neugründung
der revolutionären, marxistisch-leninistischen KPD: Entweder würde
der westdeutsche Staat diese verbieten, dann würde aber offensichtlich,
daß die von ihm geduldete DKP eine Partei war, deren Existenz mit
den Interessen des westdeutschen Imperialismus vereinbar war. Oder die
neugegründete revolutionäre Partei würde nicht verboten
werden, dann aber wäre das KPD-Verbot erst einmal faktisch durchbrochen.
Die Neugründung erfolgte unter der Führung von Ernst Aust am
31. Dezember 1968, am 50. Jahrestag der Gründung der KPD durch Karl
Liebknecht und Rosa Luxemburg. Die neugegründete Partei hieß
KPD/ML. Der Zusatz ML (Marxisten-Leninisten) war zur Abgrenzung gegen
die verbotene, revisionistisch entartete KPD erforderlich, die formal
noch fortexistierte; dieser Zusatz fiel später fort. Der westdeutsche
Staat entschied sich dafür, das KPD-Verbot vorerst auf die neugegründete
Partei nicht anzuwenden, um den Kuhhandel, der zur Gründung der DKP
geführt hatte, nicht bloßzulegen. Insoweit war die Kalkulation
Ernst Austs aufgegangen, das KPD-Verbot in der Praxis durchbrochen. Juristisch
freilich besteht es bis heute und kann vom deutschen Staat dann wieder
angewandt werden, wenn es ihm opportun erscheint. Der Kampf für die
Beseitigung des KPD-Verbots muß also auch heute noch weitergeführt
werden.
Später, um die Jahreswende 1975/76, wurde die KPD/ML auch in der
DDR gegründet. Die Partei hatte nun drei Sektionen - Bundesrepublik,
DDR und Westberlin - die gemeinsam für ein vereintes, unabhängiges
sozialistisches Deutschland kämpften. Die Partei war sich vollauf
darüber im klaren, daß die immer noch ungelöste nationale
Frage ihre Rolle spielen würde, daß sie entweder von der Monopolbourgeoisie
oder von der Arbeiterklasse für ihre jeweiligen Klasseninteressen
genutzt werden würde. Die KPD/ML bzw. KPD erklärte, daß
die nationale Frage im fortschrittlichen Sinne nur gelöst werden
konnte, indem sowohl im Westen als auch im Osten die jeweiligen Ausbeuterklassen
durch eine proletarische Revolution gestürzt und die Besatzungsmächte
vertrieben würden und Deutschland auf dieser Grundlage wiedervereinigt
würde.
Diese Orientierung war völlig richtig. Die Revisionisten und die
kleinbürgerliche Linke warfen und werfen der KPD wegen dieser marxistisch-leninistischen
Haltung zur nationalen Frage Nationalismus vor, doch das Leben hat die
Richtigkeit dieser Haltung - im negativen Sinne - bewiesen: Da das Proletariat
zu schwach war, um die nationale Frage in seinem Sinne zu lösen,
lösten die westdeutschen Monopole sie in ihrem Sinne, auf reaktionäre
Weise.
Die Sektion DDR kämpfte unter illegalen Bedingungen gegen das revisionistische
Honecker-Regime. Die GenossInnen wurden von der Stasi verfolgt, gejagt
und verleumdet. Etliche wurden verhaftet, einige für mehrere Jahre
ins Gefängnis gesperrt.
Mängel und Schwächen der neugegründeten
Partei behindern ihre Entwicklung
Da die breite Mehrheit der Mitglieder der alten KPD den Übergang
zum Revisionismus nicht erkannt hatte, waren es nur sehr wenige, die sich
der neugegründeten Partei anschlossen. Am 1. Parteitag an der Jahreswende
1968/69 nahmen nur 33 Gründungsmitglieder teil. Aufgrund der Schwäche
der Arbeiterbewegung war es auch nicht möglich, die neugegründete
Partei durch die Gewinnung und Aufnahme von ArbeiterInnen rasch zu vergrößern.
Zwar wuchs die KPD/ML dennoch sehr schnell, aber die neuen Mitglieder
rekrutierten sich vorwiegend aus einer anderen gesellschaftlichen Bewegung:
aus der 68er Studentenbewegung.
Aus dieser klassenmäßigen Zusammensetzung wie auch aus den
massiven theoretischen Schwächen und Unklarheiten erwuchs eine große
Gefahr für die junge Partei. Die Abgrenzung zum Revisionismus war
dergestalt erfolgt, daß die Verletzung einiger grundlegender Prinzipien
des Marxismus-Leninismus durch die Revisionisten angegriffen wurde. Dies
war gut, richtig und notwendig, doch damit war der Prozeß, der zur
revisionistischen Entartung sozialistischer Länder und kommunistischer
Parteien geführt hatte, noch längst nicht begriffen. (Vgl. zu
diesem Problem Weg der Partei, Theoretisches Organ der KPD, 1-2/1992,
insbesondere auch den zweiten Artikel Parteiaufbau und Kampf gegen den
modernen Revisionismus.) Zum andern war durch diese Verteidigung einiger
elementarer Prinzipien noch längst keine politische Ausrichtung vorhanden,
wie der konkrete Kampf in den verschiedenen Bereichen geführt werden
sollte.
Derartige Schwächen waren unvermeidlich. Sie beruhten nicht nur
auf deutschen, sondern im wesentlichen auf international wirkenden Faktoren.
Weltweit setzten die Marxisten-Leninisten ihre Hoffnungen auf China und
die dortige Kulturrevolution. Man glaubte, daß ein riesiges Land
dem revisionistischen Verrat trotze, den Marxismus-Leninismus nicht nur
verteidige, sondern weiterentwickle. Diese Fehleinschätzung führte
dazu, daß in vielen Ländern und eben auch in Deutschland der
Maoismus Bestandteil der Ideologie derjenigen Kräfte wurde, die die
neuen Parteien formierten. Erst später erkannte die KPD wie auch
viele andere Parteien den antimarxistischen Charakter des Maoismus. In
Deutschland kam die Schwäche der Arbeiterbewegung hinzu sowie der
Umstand, daß verschwindend wenige Kader der alten Partei den Neuaufbau
zu ihrer Sache machten. Man versuchte, die vorhandenen Schwächen
dadurch auszugleichen, daß man sich allzu stark an einer äußeren
"starken Kraft" orientierte, eben an China, doch dadurch wurden
die Fehler noch größer. Unabhängig davon, daß China
nicht sozialistisch war, können innere Widersprüche nicht durch
Orientierung an einer äußeren Kraft gelöst werden.
Alles in allem waren schwere Mängel und Fehler unter den gegebenen
Bedingungen unvermeidlich. Der historische Verdienst derjenigen Kräfte,
die trotzdem an den Neuaufbau gingen, bleibt hiervon unberührt. Hätte
insbesondere Ernst Aust nicht allen Schwierigkeiten zum Trotz entschlossen
und mutig gehandelt, so gäbe es in Deutschland heute vermutlich keine
marxistisch-leninistische Partei.
Die Mängel und Schwächen begünstigten jedoch die Tätigkeit
von Parteifeinden; es kam zu Spaltungen und zu Versuchen, die Partei zu
liquidieren. Nach vorübergehenden zahlenmäßigen Dezimierungen
kam es ab 1972 wieder zu einer gewissen Stabilisierung und zahlenmäßigen
Stärkung der Partei.
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